Buchprojekt 2022

Einstieg in mein drittes Buchprojekt

„Tief Luft holen …“ – diese mahnenden und auffordernden Worte meiner noch lebendenden, 93-jährigen Mutter aus meinen Kinderjahren habe ich bis heute nicht vergessen. Sie galten immer und immer wieder meinem Stottern, das einsetzte, als ich drei Jahre alt geworden war. An diese frühkindlichen Jahre fehlen mir die Erinnerungen, die fangen erst an sich zu bewegen, als ich 1955 eingeschult wurde.

Derzeit schreiben wir das Jahr 2020, das als das pandemische Corona-Jahr weltweit Geschichte schreiben wird. Im Spätsommer dieses Ausnahmejahres begann mein so genannter zweiter Ruhestand: nach über 20 intensiv erlebten Jahren, in denen ich mich seit 1999 mit kreativem Fleiß und konsequent dem künstlerischen Umgang mit Holz gewidmet hatte, war es Zeit für mich aufzuhören. Mein im März 2019 aufgelegtes zweites Kunstbuch „Unerschöpflicher Eigen-Sinn“ bietet auf diese zwei Jahrzehnte einer unermüdlichen Holzpassion einen umfassenden Rückblick. Meine Internetseite bleibt als Online-Werkschau meiner künstlerischen Holz-Zeit bestehen und wird mir die Möglichkeit bieten, hier neue Ausblicke, Ideen und Projekte fortan auch jenseits vom Holz präsentieren zu können.

Nach meinem Holzzeit-Ende im Frühherbst 2020 tun die ruhigeren Tagesabläufe gut. Ideen für neue Vorhaben, parallel zum vermehrten Lesen, werden wach und gewinnen an Konturen. Ein Projekt steht ganz vorne an: ein persönliches Buch über meine lebenslange Not mit dem Sprechen und die Freude am Sprechen und an der Sprache, eine Art Lebensbericht, ein Mix von sachlichen Texten, Erinnerungen und autobiografischen Notizen über alles, was mich je in meinem Leben bis heute rund um meine Sprechstörung geplagt, geängstigt und umgetrieben hat, verzagt sein und hat aufbegehren und unternehmen lassen. Begonnen habe ich mit ersten Recherchen im Internet, dem Aufspüren von Textstellen in meinem Literaturbestand und dem Nachsehen in eigenen Unterlagen. Aber ich werde mir Zeit lassen dafür, fürs Schreiben, fürs Nachdenken, fürs Zusammenführen und -fügen.

Vor einigen Tagen, am 26. Oktober, meldete das SWR1-Radio, dass am Vortag für alle überraschend der SPD-Politiker Thomas Oppermann mit 66 Jahren gestorben sei. Diese Nachricht ließ mich abermals innehalten: wie viel Zeit bleibt einem eigentlich noch? Dann am 31. Oktober in der Rhein-Neckar-Zeitung ein Bericht über den Kölner Melaten-Friedhof und die Schlussgedanken vom Karnevalspräsidenten und Bestatter Christoph Kuckelkorn: „Es gibt jeden Tag nur einmal. Man kann nicht den Mittwoch dieser Woche nächsten Mittwoch nachholen. Denn man weiß gar nicht, ob es den noch geben wird.“

Auch das Nachdenken darüber motiviert mich doch sehr, mein ganz und gar persönliches Buch-Projekt anzugehen und hinzubekommen. Kein öffentliches Outen als Stotterer, die mich kennen wissen ohnehin mehr oder weniger darüber, sondern ein Reflektieren und Nachsinnen im letzten Lebensdrittel darüber, wie verworren und voller Holz- und Umwege ein, mein Leben auf Grund dieser letztlich nicht weichen wollender Behinderung war – und ist.

Der 22. Oktober ist alljährlich der Welttag des Stotterns. Es sollte zu schaffen sein, was ich mir inhaltlich alles mit diesem Buch vornehme, rechtzeitig zum 22. Oktober 2022 im dann 74. Lebensjahr fertig zu werden. Das stotternde Kind hätte das Jahr 2022 wohl Zneitausendzneihundertzneiundznanzig ausgesprochen – das verflixte Zw am Wort- und Silbenanfang war für einige Zeit, so wie so viele andere Konsonanten und Vokale, eine schier unüberwindbare Sprechhürde. Der erwachsene, lebenserfahrene, älter gewordene Kaum-noch-Stotterer, Gelassenheit und Entspanntheit zumeist vorausgesetzt, hat es im Rückblick in seinem Werdegang einigermaßen hinbekommen, trotz der so vielen Ängste, der ungezählten Verzichte, der Zeiten des Schämens, des Selbstquälens, der Selbstzweifel und des Haderns zu bestehen und, nach handwerklicher Lehre und zwei Studiengängen, beruflich letztlich als Berufsschullehrer und dann auch künstlerisch erfolgreich zu sein.

Franz Musiol Eberbach,
Anfang November 2020